Ultramarathon-Premiere

Nun sitze ich hier, beide Füsse voller Blasen, die Knöchel von den Schuhränder blutig gerieben, meine inneren Oberschenkel vom Laufrock ebenfalls aufgeschürft und der Muskelkater ist heute besonders ausgeprägt. Aber bis tief ins Herz unendlich glücklich. Am Samstag war es so weit – einer meiner grössten Lebensträume und -ziele ging in Erfüllung.

Um 4:20 Uhr in aller Früh ging mein Wecker. Die Müdigkeit war schon abends und in der Nacht zuvor der Nervosität unterlegen – genau so, dass mir das Aufstehen ausnahmsweise nicht allzu schwer fiel. Wie immer an einem Renntag gab es zum Frühstück einen selbstgemachten Porridge à la Mami – für diesen würde ich freiwillig nochmals eine halbe Stunde früher aufstehen. Oder eine Viertelstunde. Der Laufrucksack mit all dem obligatorischen Material, welches auf der Strecke mitgeführt werden musste, hatte ich glücklicherweise schon zwei Tage zuvor gepackt. Also fuhren wir bereits 45 Minuten später mit dem Auto Richtung Grindelwald zum Startgelände des Eiger Ultra Trails, wo wir auf zahlreiche müde und kribbelige Läufer trafen – genau mein Ding.

Um 07:15 Uhr war es dann so weit, der Startschuss zu meinem allerersten Ultramarathon fiel. Mental könnte ich wohl noch so einige tausend Stunden an mir arbeiten, denn immer wenn ich daran dachte, dass nun 52 Kilometer zu bewältigen sind, kam mir dies nur unmöglich vor und ich suchte in meinen Gedanken heimlich nach den besten Stellen und Situationen zum Aufgeben. Sobald es ernst gilt, möchte ich einen Rückzieher machen. Immer und immer wieder.

Gibt man das Rennen beispielsweise auf der Spitze des Faulhorns auf, so wäre dies ziemlich unglücklich. Wäre man dann auch noch transportfähig, so würde die Rega nicht ausrücken und man müsste die gesamte Strecke zurück zur First oder vorwärts zur Schynige Platte gehen, um dann mit der Bahn hinunter ins Tal zu gelangen. In der Zeit, die man für diese Wanderung benötigen würde, würde man vielleicht schon im Ziel sein, wenn man einfach weitergelaufen wäre und nie aufgegeben hätte. Aufgeben war also irgendwie gar keine so grosse Option mehr.

Bereits bei Kilometer 2 kam es zu einem Menschen-Stau, da sich der Weg etwas verengte und die Strecke über eine schmale Brücke führte. Diese Zeit nutze ich für eine kurze Verschnaufpause vor dem langen und hohen Aufstieg Richtung First. Unterwegs begann es in Strömen zu regnen.

Höhenprofil Eiger Ultra Trail E51

Durch den starken Regen vergassen auch meine Schuhe, dass sie Gore-Tex (und somit wasserdicht) wären und meine Socken waren bereits bei Kilometer 10 durchnässt. Oben angekommen, traf ich auf der First meine Mutter, welche meine Stimmung um 735492056 % steigen liess. Ähnlich viel Freude verspürte ich jedes einzelne Mal beim Anblick eines Verpflegungspostens. Von Fleisch, Bergkäse, Schokolade, Chips, Brot, Erdnüssen, Gels, Sportriegeln, Cola, Bouillon, Isostar, Sporttee, Wasser, Melonen, Trockenfrüchten, Orangen bis zu Spaghetti Bolognese wurde uns Läufern alles geboten und Hunger leiden musste definitiv niemand.

Je weiter ich lief, desto mehr begann ich aber zu leiden. Das Laufen war nicht mehr angenehm. Alles war nicht mehr angenehm. Als mir auf dem Weg hinunter zur Bussalp ein Kieselstein in meinem linken Schuh in den Fuss stach, konzentrierte sich mein Hirn nur noch auf den Schmerz, ausgelöst durch den Kieselstein. Dadurch bemerkte ich für eine Weile den Schmerz durch die Blasen und die Misstritte nicht mehr so sehr und liess den Kieselstein im Schuh. Nachträglich denke ich, dass dies verrückt ist. Dass ich verrückt war. Aber das war der gesamte Lauf. Schon nur die Idee dazu.

Zwischenzeitlich begann ich aber die Natur wieder etwas zu geniessen. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich beim Abstieg vom Faulhorn hinunter auf einem Schneefeld ausrutschte und an einen Stein fiel. Mein Ellenbogen begann zu bluten und ich hatte schlagartig wieder enorm wenig Lust weiterzugehen. Ich weinte kurz, erinnerte mich aber wieder daran, dass ich 22 Jahre alt bin und normale Menschen mit 22 Jahren bei einem Sturz nicht mehr weinen. ha ha ha. Da fiel mir auf, wie sehr nebst meinem Körper auch meine Psyche beansprucht wird. Ab 8 Stunden Laufzeit war ich so müde, dass ich bei jedem Misstritt kurz (oder auch etwas länger) die Nerven verlor. Das beobachtete ich aber auch bei so einigen anderen Läufern – manche Männer fluchten im Sekundentakt. Dann lachten sie wieder. Dann fluchten sie wieder. Lachen. Fluchen. Weinen.

Bei Kilometer 30 mochte ich nicht mehr. Ich hatte so Kopfschmerzen und ich wollte nur noch an den Wegrand sitzen. Oder besser: Mich in die Wiese legen. Jemand erklärte mir aber, dass der Zeitpunkt für eine Rennaufgabe nun sehr schlecht sei und ich erst zu sehr, sehr später Stunde im Tal unten wäre. Da würde es winden und regnen und blitzen und donnern. Also lief ich weiter. Aber ich hatte das erste Mal keine so grosse Freude mehr am Laufen. 

Als ich ungefähr bei Kilometer 38 am Verpflegungsposten unterhalb der Schynige Platte ankam, nahmen mich die Ärzte bei Seite. Scheinbar zitterte ich. Nachdem sie meinen Fuss eingebunden hatten, musste ich eine Bouillon und eine Cola trinken und ihnen versprechen, dass ich das Rennen aufgebe sobald mir übel wird. Ich bekam noch ein Medikament gegen die Kopfschmerzen und durfte dann weiterlaufen.

Auf den letzten 7 Kilometer traf ich auf Christoph, einen Psychologen aus Bern. Ohne ihn wäre ich die Strecke von Burglauenen – Grindelwald nur noch im Spazier-Tempo gegangen. Wir führten gute Gespräche, die mich ablenkten und ich wollte nicht zurückfallen, da ich sonst alleine hätte laufen müssen. Blitz und Donner trieben uns nur noch mehr voran, um nicht noch vom Blitz getroffen zu werden.

„Run often and run long, but never outrun your joy of running“ — Julie Isphording

Nach 11 Stunden und 23 Minuten war es vollbracht. Im Ziel angekommen war ich einerseits unendlich stolz auf mich, anderseits konnte ich es gar nicht wirklich geniessen. Ich denke nicht, dass ich so etwas je wieder machen werde. Also heute noch nicht. Bitte erinnert mich an meine Worte, wenn ich mich diesen Herbst erneut auf das Anmeldeportal von Datasport stürze.

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Vielleicht lasse ich mir einfach etwas mehr Zeit – irgendwann werde ich den 101er-Trail laufen und dabei weniger leiden als beim 51er. Irgendwann. Und solange lasse ich mir Zeit und trainiere etwas mehr. Hauptsache die Freude am Laufen bleibt.

I’ll be happy if running and I can grow old together.“ — Haruki Murakami 

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vom Skilehrerinnen-Dasein und der bevorstehenden Ultramarathon-Premiere

Letzen Herbst kündigte ich meinen Job und hatte weder einen Plan A noch einen Plan B. Ich folgte dabei schlichtweg meinem Herzen und musste deshalb so schnell als möglich einen Schlussstrich unter meinem bisherigen Weg ziehen und langsam aber sicher auf meine mentale Gesundheit achten. Und ich tat das Richtige.

Das Leben verschlug mich an die Lenk. Ich bezog meine erste eigene kleine Wohnung, begann als Kinderskilehrerin zu arbeiten und tat das erste Mal wirklich nur das, worauf ich wirklich Lust hatte.

Wie erwartet tat mir dir „Arbeit“ auf der anderen Seite des Bürofensters sichtlich gut – physisch und psychisch. Erstmals hätte ich etwas Farbe im Gesicht, meinte meine Familie. Gut tat mir jedoch vor Allem die tägliche Bewegung in den Skischuhen, welche mir in meinem Beruf sonst eher fehlt.

In einem meiner körperlichen Hochs meldete ich mich für meinen allerersten Ultramarathon an – den Eiger Ultra Trail E51, dem Panorama Trail.

Einige merken wohl gerade in diesem Moment, dass dieses Ereignis die Absicht und der Schlüsselpunkt meines gesamten Blogs ist und mir die Anmeldung dementsprechend mehr bedeutet als ich überhaupt fähig wäre zu erklären.

Ich weiss, dass es anspruchsvolle 51 Kilometer sein werden. Auch weiss ich aber, dass ich es schaffen werde. Ich werde mein Lebenstraum, Ultramarathons zu laufen, im Jahr 2018 erfüllen.

„Running is a mental sport, more than anything else. You’re only as good as your training, and your training is only as good as your thinking.“ — Lauren Oliver

2018 wird ein spannendes Jahr!

2017 bisher..

Meine Saison 2017 verlief zu Beginn wider meiner Erwartungen und Wünschen – von meinen sechs ersten Rennen gab ich drei vorzeitig auf und holte mir demnach zwei DNF, ein sehr schlechtes Resultat, einen ausgefallenen Start und wenigstens zwei zufriedenstellende Ergebnisse.

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1. Rennen: Meine Leistung am alljährlich bestrittenen Chäsitzerlauf in Kehrsatz über eine Distanz von 12 Kilometer erschreckte selbst mich. Nach zwei gelaufenen Kilometer konnte ich kaum mehr einen Schritt vor den anderen setzen, quälte mich dennoch zwei Kilometer weiter bis mir richtig unwohl wurde und ich mich völlig ausgelaugt beim Flughafen Belp in eine Wiese legte. Zu meinem Saisonauftakt durfte ich dann mit der Ambulanz ins Ziel fahren und war noch Tage danach unendlich enttäuscht.

2. Rennen: Am 20 kilomètres de Lausanne fand ich zwar den Start erst in allerletzter Sekunde, lief jedoch ein gutes Rennen und finishte glücklich und zufrieden über die 20 Kilometer.

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3. Rennen: Der wohl allen bekannte Grand-Prix von Bern über 16 Kilometer oder 10 Meilen war bis anhin jedes Jahr einer meiner Saisonhöhepunkte. Ich war an diesem Tag nicht wirklich guter Dinge, fühlte mich müde und verspürte so gar kein Adrenalin. Die ersten 10 Kilometer verliefen nach Plan. Kurz vor der Mon-Bijou-Brücke wurde mir wieder schwindelig und übel und ich konnte unmöglich sofort weiterlaufen. Den Rest des Rennens legte ich langsam joggend mit einem Kilometerschnitt von über 6 Minuten und mit Krämpfen zurück. Die Schlusszeit ist an dieser Stelle nicht erwähnenswert und erneut rätselte ich tagelang darüber, was mit mir los ist.

4. Rennen: Für die Frauen unter uns bildet auch der Schweizer Frauenlauf mit seiner unbeschreiblichen Atmosphäre (und dem Fernbleiben männlicher Lebewesen) ein tolles Saisonhighlight. Auf der 10-Kilometer-Distanz, welche für mich fast schon eine Tradition war, kam ich nicht allzu weit. Nach etwas über 2 Kilometer wurde mir wieder schwindlig und komisch. Unter Krämpfen gab ich erneut ein Rennen auf und lief abgekürzt in den Zielbereich.

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An dieser Stelle ist auch zu erwähnen, dass ich seit dem Jahr 2008, also seit 9 Jahren, regelmässig Wettkämpfe bestreite und bisher noch nie ein DNF einholte. Okay, zugegebenermassen versuchte ich mich einst am Spiezathlon in der Triathlondistanz und brach, nachdem ich beim Crawlen sowieso fast ertrunken wäre, auf dem Rennvelo das Rennen dann ab.

Ich weiss heute, dass ich mit der ganzen Lernerei für die Abschlussprüfungen sowieso schon sehr fordernd gegenüber meinem Körper war. Jedoch war es einfach nicht mehr wie früher – Ich verspürte am Wettkampftag jeweils kein Adrenalin, keine Vorfreude und Euphorie mehr. Ich war nicht wirklich nervös und hibbelig, was sonst immer der Fall war. Irgendwie wurden mir solche Strassenwettkämpfe sogar etwas egal, nicht so wichtig, fast schon etwas bedeutungslos und ein alljährliches Muss. Unter diesen Voraussetzungen ist wohl auch klar, dass der Körper nicht zu Höchstleistungen fähig und gewillt ist. Mein Herz war einfach nicht mehr so sehr dabei.

„If your heart isn’t in it, you won’t get far in this sport.“

Diese Läufe und Erlebnisse zeigten mir auf, dass ich schlicht und einfach keine so grosse Freude mehr an kürzeren Strassenläufen wie diesen habe, so dass ich mich eher auf Bergläufe und Trails wie de Eiger Ultra Trail, de Bärner Bärgloufcup, den Swissalpine Marathon und den Jungfraumarathon konzentrieren wollte. Ich laufe heute lieber in den Bergen und in der schönen Natur anstelle von drängelnden Menschenmengen in grauen Städten.

5. Rennen: Wie ihr meinem Blogeintrag entnehmen könnt, lief der Eiger Ultra Trail ganz nach meinen Erwartungen und Wünschen.

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6. Rennen: Wie schon mehrmals angepriesen, plante ich meinen Start am Swissalpine Marathon K31. Ich verbrachte, nicht wirklich nur zur Akklimatisierung – eher ferienhalber, eine Woche im Renngebiet in Davos. Die Startnummer konnte ich bereits abholen, die Ausrüstung war bereitgelegt und ebenso war auch ich bereit für den Start. Jedoch kam alles anders als geplant. Den Tag zuvor wanderten wir nur noch eine kurze und nicht wirklich anspruchsvolle Route durch Davos.

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Die Wanderung tags zuvor..

Gegen Ende der Wanderung bohrte sich durch eine typische Ilona-Bewegung ein Holzsplitter von einer Holzbank durch meine Kleidung in meinen Oberschenkel. Nach meinem Jammern beim Entfernen des Splitters konnten wir kurz später noch ein wenig darüber lachen und liefen die Wanderung bis zum Ende. Allmählich schmerzte mein Bein von Sekunde zu Sekunde mehr und die Stelle um den Splitter nahm eine undefinierbare, seltsame Farben an. Am späten Nachmittag kontaktierten wir den Ärztenotfall in Davos.

Die Ärztin war fasziniert davon, wie ungeschickt und tollpatschig Mensch sein kann und stellte fest, dass ein Stück Holz so tief unter meine Haut gelang, dass sie dieses unmöglich auf einfache Weise entfernen kann. Den Abend verbrachte ich dann im OP des Spitals Davos. Bei dieser Gelegenheit richte ich meinen herzlichen Dank an das Spital Davos, welches mir das Herausoperieren eines Stück Holzes aus dem Oberschenkel durch den imposanten Ausblick aus dem Fenster auf das Dorf Davos sichtlich angenehm gestaltete. Anstelle des Finisher-Shirts und der Swissalpine-Medaille wird mich nun eine Narbe an diesen Anlass erinnern.


Fazit: Ich werde mich nicht so schnell wieder an Strassenwettkämpfen anmelden und mich in der ganzen Vorbereitungszeit für den Jungfraumarathon nicht mehr auf Holzbänke setzen.

Von meiner kleinen Hommage an Kathrine Switzer und dem 1. Gurtenberglauf

Kathrine Switzer

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Mit 12 Jahren begann sie damit, jeden Tag eine Meile zu laufen, um als Hockey-Spielerin leistungsfähiger zu werden. Als Journalistik-Studentin an der Syracuse University trainierte sie mit dem männlichen Leichtathletik-Team. Der Betreuer des Crosslauf-Teams Arnie Briggs, der 15-mal am Boston-Marathon teilgenommen hatte, brachte sie auf die Idee, an diesem Rennen 1967 teilzunehmen. Zu dieser Zeit waren Frauen offiziell nur zu Wettkämpfen bis 800 m zugelassen. Da sie sich als „K. V. Switzer“ zusammen mit Briggs und ihrem Freund, dem Hammerwerfer Tom Miller, anmeldete, schöpfte niemand in der Organisation des Rennens Verdacht.

Nach einigen Meilen entdeckte der Renndirektor Jock Semple, dass eine Frau eine offizielle Startnummer trug, und versuchte, Switzer die Nummer abzureißen. Jedoch kam Miller seiner Freundin zu Hilfe und stieß Semple zur Seite, so dass Switzer das Rennen fortsetzen konnte und nach vier Stunden und 20 Minuten das Ziel erreichte. Die Rangelei hatte sich direkt vor dem Pressebus abgespielt, und so gingen die Fotos von diesem Vorfall um die Welt und lösten heftige Diskussionen um den Frauensport aus. Switzer wurde zwar zwei Tage nach dem Lauf aus der Amateur Athletic Union ausgeschlossen, lief aber weiter inoffiziell Rennen.

1972 wurden dann erstmals Frauen offiziell in Boston zugelassen. Switzer wurde Dritte in 3:29:51 h. Im selben Jahr rief sie mit Fred Lebow, dem Begründer des New-York-City-Marathons, den Crazylegs Mini Marathon (heute New York Mini 10K) ins Leben, den ersten Straßenlauf nur für Frauen. 1973 wurde sie Vierte in Boston, Zweite beim New-York-City-Marathon und gewann den Maryland-Marathon, 1974 wurde sie Fünfte in Boston und siegte sowohl in New York City wie auch in Maryland. 1975 wurde sie Zweite in Boston mit ihrer persönlichen Bestzeit von 2:51:37 h und Siebte in New York City.

Kathrine Switzer – Die Frau, die den Laufsport revolutionierte. Eine mutige, starke Frau, von der noch lange, lange Zeit erzählt werden sollte. Gerade die weiblichen Läuferinnen unter uns verdanken dieser Frau so einige schöne Ereignisse. Viele. Die Bilder dazu weltbekannt – die Geschichte dahinter leider nicht ebenso:

https://www.youtube.com/watchv=fOGXvBAmTsY

Der 1. Gurtenberglauf

Wenn an einem Sonntagmorgen dein Handywecker um 6:00 Uhr geht, ist es wohl nicht ganz abwegig, dich zu fragen, ob du deine Prioritäten richtig setzt.

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Sobald du jedoch um ca. 9:00 Uhr bereits bei der Bergstation Gurten ins Ziel läufst, dein Herz vor Glück Backflips schlägt und du einfach nur stolz bist, weißt du, deine Prioritäten definitiv richtig gesetzt zu haben. Immer und immer wieder.

Der Gurtenberglauf umfasst beinahe die selbe Strecke wie die bekannte erste Etappe beim Berner Berglaufcup jeweils im August. Der kleine Unterschied liegt wohl in dem beinahe 25 Grad Temperaturunterschied.

Fazit: Simple Organisation, kleine Teilnehmerzahl da erste Ausführung dieser Art – für dieses Jahr der perfekte Gurten Classic-Ersatz.

Hier mehr dazu: Gurtenberglauf

Oder: Gurtenabendlauf

Follow me on Strava: https://www.strava.com/athletes/25663211

von 11‘674 Treppenstufen und krabbelnden Läufer

„Start auf 693 Meter über Meer, Ziel auf 2’362 Meter über Meer. Längste Treppe der Welt mit 11’674 Stufen, Höhendifferenz 1’669 Meter.“

Bildergebnis für niesenlauf

Diese Beschreibung eines Berglaufes im Berner Oberland hat es mir schon vor Jahren angetan. Da die Anmeldezahl aber auf maximal 350 Läufer und Läuferinnen begrenzt ist, gestaltete sich dieses Vorhaben jeweils schwieriger als gedacht. Der Tag, an welchem die Anmeldung geöffnet wird, wird zudem nicht öffentlich bekannt gegeben. Glück gehört also auch noch dazu. Letztes Jahr gelang es mir nun endlich, einem Startplatz für den begehrten Niesenlauf 2018 zu ergattern.

Startgelände

Heute morgen, am 2. Juni 2018, um 5:00 Uhr war es dann so weit. Wir packten meine sieben Sachen und fuhren Richtung Talstation der Niesenbahn in Mülenen. Dort angekommen, tummelt sich schon so mancher Läufer – einer sportlicher als der andere, einer ehrgeiziger als der andere, einer erfahrener als der andere. So schien es zumindest.

Silas machte seine Arbeit als Motivator jedoch ausgezeichnet, und so verlor ich nicht ganz allen Mut und Zuversicht. Er erzählte mir von den letzten Jahren, wie es so abläuft und was mich erwartet. Bis auf die Tatsache, dass er weit hinter mir startete und mich bereits nach wenigen Minuten einholte, wirkte dies sehr beruhigend auf mich.

Silas photobombt übrigens auch ausgezeichnet Fotos. 

In Vierergruppen wurden wir dann um 7:42 Uhr mit 10 Minuten Verspätung auf die Strecke geschickt. Kurz vor dem Start liess ich meinen Hüftgurt mit Trinkflasche, Gels, Dul-X, Powerriegel und einer Magnesium-Ampulle zurück – ich befürchtete, jedes zusätzliche Gramm würde mich auf der Treppe leiden lassen. Ohne Flüssigkeit musste ich nur bis zur Mittelstation auskommen und Dul-X schmierte ich noch vor dem Start an meine Beine. Der Powerriegel und die Magnesium-Ampulle gegen Wandenkrämpfe nahm ich trotzdem mit auf die Strecke ohne sie in den Händen tragen zu müssen: Sport-BH sei Dank. Ein Hoch auf uns Frauen!

Unterwegs ging mir dann ein Licht auf, weshalb fast alle Läufer und Läuferinnen Handschuhe trugen – manche auch nur einen an der rechten Hand. Je müder die Beine wurden, desto mehr half man mit dem Armen nach. Man musste sich immer mehr am Geländer oder Seil hinaufziehen und sich an einem Fels oder einer Mauer abstützen, was die Hände schürfte und beanspruchte. Es gab aber auch Läufer, die auf die Variante „auf allen Vieren das Bahngeleise hochkrabbeln“ setzten.Man sah alles: keuchende, spuckende, fluchende, jodelnde, sprintende und kriechende Läufer.

Motivations-Tief

Im meinem inneren Dialog versuchte ich mich immer wieder aufzurappeln und weiter zu laufen. Am tiefsten Punkt meiner Motivation angekommen, pflückte ich Blumen. Es gab Zuschauer, die meinen inneren Dialog unterstützten mit Sätzen wie „Nehmt Schritt für Schritt.“, „Es geht nicht mehr weit hoch.“ und „Ihr schafft das!“. Und dann gab es Zuschauer die auf meine Bemerkung, dass ich den Gipfel schon sehe und es darum nicht mehr weit gehen kann, mit „Das täuscht – es geht noch weiter als du jetzt denkst.“ antworten. Wie auch immer.

Die Magnesium-Ampulle schmeckte trotz angepriesenem Fruchtgeschmack einfach nur widerlich, so dass ich lieber Wadenkrämpfe durchstehen würde, als die ganze Ampulle zu trinken. Ausserdem hatte ich Angst, dass mir durch den Geschmack übel würde. Ganz zu meinem Glück hatte ich dann aber weder mit Krämpfen noch mit Übelkeit zu kämpfen.

Oben angekommen kämpfte ich dann aber doch mit Bauchkrämpfen, denn der Heisshunger nach Schokolade, Bier, Milchshake, Isostar, Salzbretzel, Bouilon und Datteln überfiel mich. Nach einer gelaufenen Zeit von 1 Stunde 54 Minuten, einer Höhendifferenz von 1’669 m und bewältigten 11’674 Treppenstufen war mir dies aber gegönnt.

Am Ende wurde ein Läufer gefragt, warum man sich für solch Irrsinn anmeldet. Er wusste keine Antwort und lachte nur. Man versteht sich. Die längste Treppe der Welt zu bewältigen, hat definitiv seinen Reiz, keine Widerrede.

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unsere Rückkehr

Um einen Eindruck des Laufs zu erhalten könnt Ihr das Video meines Kollegen aus den Niederlanden ansehen: Niesenlauf Anne Jan Roeleveld

vom Winter, der Melancholie und den Neujahrsvorsätzen

Wir Läufer kennen es alle: Es wird November, draussen ist es plötzlich eisig kalt, es ist noch dunkel wenn man morgens das Haus verlässt, es ist schon wieder dunkel wenn man abends nach Hause kommt und zudem sind morgens die Strassenbeläge häufig glatt und vereist. Ein etwas melancholisch veranlagter Mensch wie ich es bin, neigt in dieser Jahreszeit dazu, am Morgen jede noch mögliche Sekunde im Bett zu bleiben und am Abend bis in alle Nacht hinein zu netflixen. Zeit für ein Lauftraining bleibt also keine. Zudem ist es sowieso zu kalt. Und wenn wir schon dabei sind ist es auch definitiv zu gruselig in der dunklen Nacht durch mein Wohnort, der wirklich ein Kaff ist, zu rennen. Und zudem verfügen Laufschuhe auch nicht über das nötige Profil um über vereiste Strassen zu rennen. Und warm ausgestattet sind auch die teuersten Laufschuhe nicht, wenn man so ein Gfrörli ist wie ich es bin. Und durch erste verschneite Naturwege zu joggen klingt auch nicht allzu verlockend wenn man bedenkt, wie sich die Schuhe mit Schnee füllen werden und das Wasser langsam die Socken einnässen wird. Und wie wir alle wissen: Nasse Socken bedeuten den sicheren Tod von Läuferfüssen. Zudem werden die Füsse auch noch nach einer warmen Dusche für den Rest des Tages eingefroren bleiben. Und nebst unzähligen Blasen an den Füssen wollen wir uns ja auch nicht etwa noch erkälten. Ich lasse das Lauftraining also beim Wintereinbruch für mehrere Wochen schlittern und bewege mich vorwiegend auf dem Hometrainer in der warmen Stube – Netflix inbegriffen, versteht sich.

Gegen Ende November, nach rund einem Monat Kälte, komme ich langsam aber sicher im Winter an.  Ab diesem Zeitpunkt finde ich wieder die Motivation morgens eine Stunde früher als sonst, was auch schon zu früh wäre, aus dem Bett zu hüpfen um mir meine Laufschuhe zu schnüren. Gegen die oben geschilderten, pussyhaften Ausreden finde ich nun Gegenargumente und Wille. Unterstützt wird dieser Wille nun auch noch zwanghaft durch die jährlich gleichbleibenden Neujahrsvorsätze meinerseits. 

Ich als Winterkind und Schneeliebhaberin, beginne zu akzeptieren und lieben, wie sich der Winter – und mit ihm die Melancholie – breit macht. Als polysportiver Sportler profitiert man in dieser Jahreszeit von alternativen Aktivitäten wie Skifahren, Langlaufen, Snowboarden, Schneeschuhlaufen oder Skitouren – was ohne Kälte und Schnee nicht halb so cool wäre und die Ausdauer nicht viel weniger fördert als das Laufen. Wieso passen nicht wir uns der Natur an, akzeptieren die Widerwilligkeit unseres Körpers und suchen für uns passende Alternativen, welche uns den Sport im Winter zur Freude macht? Ein Sportler, der nur läuft, nur Fussball spielt oder nur Krafttraining betreibt, verpasst meiner Meinung nach so einiges. Ich als Läuferin, Langläuferin, Skifahrerin, Snowboarderin, Bikerin, Rennradfahrerin und Inlineskaterin träume nicht nur vom Eisklettern, Downhillen, Skitourenfahren und Snowkiting – ich möchte am liebsten jede erdenkliche Sportart (okay, auf Fussball verzichte ich wirklich) ausüben und werde wohl nie genug bekommen. Sport birgt so viel Entspannung, Zufriedenheit und Glückseligkeit in sich. Und falls wir trotzdem dem Winterblues zu Opfer fallen, können wir uns ja immer noch mit neuen Vorsätzen zu mehr Disziplin verhelfen – und wann passt dies besser, wenn nicht zu Neujahr?

Mit für mich persönlich etwas weniger Bequemlichkeit, mehr Überwindung den kalten Wintermonaten zu trotzen, einem mutigen Neuanfang und vielen Plänen im Herzen für das neue Jahr wünsche ich euch allen einen guten neuen Start und ein glückliches, sportliches und zufriedenes 2018!

vom Trail Running Paradies

Auf Worte sollten Taten folgen. Also nutze ich meine Woche Ferien zur Erfüllung eines grossen Traumes. Ich packte meine Laufschuhe und buchte mir einen Flug auf die portugiesische Insel Madeira – das Trail Running Paradies ohnehin.

Hier angekommen wollte ich mir einen lokalen, attraktven Running-Guide buchen. Traurigerweise sind diese Männer bis im November ausgebucht, weshalb ich mich selber auf den Weg machen musste.

Den Guides trauerte ich einige Male hinterher. Beim erste Mal als ein bellender Hund auf mich zustürmte, den auch ich, als unglaublich tierliebende Person, so nicht mehr wirklich niedlich fand. 

Beim zweiten Mal als ich keine Ahnung mehr hatte, ob ich mich nun noch auf einem „Wanderweg“ oder inmitten eines verwilderten Irrgarten ohne Ausweg befand. 

Beim dritten Mal als mir auf einem Hügel ein älterer Madeiraner mit allen möglichen Handbewegungen etwas mitzuteilen versuchte und ich nicht wusste, ob ich mich gerade in akuter Lebensgefahr befinde oder es nur seine Art und Weise ist, mit Touristen zu kommunizieren. Also tat ich was ich tun musste – und rannte weg.

Um solche Situationen etwas zu vermeiden und die Insel trotzdem von ihrer allerschönsten Seite zu entdecken, buchte ich eben eine etwas gemütliche Wanderung für morgen Nachmittag. Mal sehen, was die morgige Joggingtour jedoch noch so mit sich bringt.

Den Nachmittag verbrachte ich mit einer passenden Lektüre am Meer. Ob laufbegeistert oder nicht – Scott Jurek fasziniert jedes Lebewesen, auch Nicht-Veganer wie mich.

Kleine Anmerung meinerseits: Ich habe immer noch absolut gar keine Ahnung, wann Kommas gesetzt werden müssen. Sorry.

Regenerationszeit und Murtenlauf

Geplant war eigentlich der Napf-Marathon im Emmental. Die drei Wochen, die nach dem Jungfrau-Marathon vergangen sind, reichten mir jedoch schlicht und einfach nicht aus. Es kam so, dass mich mein Körper die absolvierten 42 Kilometer im Regen und der Kälte deutlich spüren liess. Einige Tage nach dem Event wurde ich krank – geplagt von Ohren-, Kopf-, Hals- und Gliederschmerzen. Also gönnte ich mir gezwungenermassen eine Erholungspause von zwei Wochen. Die darauffolgende Woche verspürte ich aus unerklärlichen Gründen sehr wenig Lust nach sportlichen Aktivitäten und hatte meine Gedanken sowieso ganz anderswo. Zudem kaufte ich mir mein langersehntes Mountainbike, weshalb meine Laufschuhe den Veloschuhen den Vorrang gewähren mussten. Apropos: Auch wenn du die Klickpedale am Rennvelo vollkommen beherrschst – denke nie, du wirst diese beim Mountainbike auf Anhieb auch beherrschen. Und falls du absteigen möchtest – überlege dir bereits vor dem Stillstand des Bikes, wie du aus den Pedalen herauskommst. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Napf-Marathon wurde eingetauscht in den Murtenlauf und die geplante Strecke somit um rund 25 Kilometer gekürzt.

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Nach einigen organisatorischen Schwierigkeiten beim Abholen der Startnummer zweifelte ich an meiner Teilnahme an dieser Laufveranstaltung sowie an meinen Französischkenntnissen. Zehn Jahre Französischunterricht und mir fiel kein einziges Wort auf Französich ein, welches uns etwas weitergeholfen hätte. Ich sprach also mit Händen und Füssen und brummelte etwas Berndeutsches. Ich konnte mich dann aber doch nachmelden und fror noch rund eine Stunde bis zum Startschuss. Hiermit möchte ich der Freiburger Kantonalbank für die rettende 24-Stundenzone danken.

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Aufgrund meiner körperlichen Verfassung reihte ich mich im Block D ein und nahm mir nicht viel mehr vor, als den 17,17 kilometerlangen Lauf zu geniessen. Und das tat ich dann auch.

Meine Beine fühlten sich schon nach wenigen Schritten ziemlich schwer an. Nach 4 Kilometer kämpfte sich die Sonne durch den Nebel hindurch und die Asphaltstrasse begann meiner Meinung nach regelrecht zu glühen. Ich bemitleidete die Läufer links, rechts, hinter und vor mir in den Langarmshirts, mit den Ärmlingen und langen Tights von Sekunde zu Sekunde mehr. Ich bemitleidete langsam aber sicher auch immer mehr mich selbst, denn ich hatte Durst und einige hundert Läufer und Läuferinnen überholten mich in einem ziemlich rassigen Tempo.

Nachdem ich die Kilometer-8-Tafel passierte, wurden meine Beine immer schwerer und an meinen Füssen bildeten sich Blasen. Der Jungfrau-Marathon ist definitiv auch noch drei Wochen später nicht vollständig verdaut. Vielleicht folgte diese Erkenntnis einen Tag zu spät. Nachdem ich kurz ans Aufgeben dachte, verwarf ich diesen Gedanken sogleich. Wo sollte ich den nach Rennaufgabe hinlaufen? Bei dieser Teilnehmerzahl würde das Schlusslicht noch lange nicht eintreffen, den Rettungswagen konnte ich dieses Mal auch nicht nach einem Transport ins Zielgelände bitten und ausserdem hatte ich keine Ahnung, wo ich mich gerade befand. Ich lief also wohl oder übel weiter.

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Mit einer nicht wirklich erwähnenswerten Zeit lief ich dennoch glücklich und ziemlich erschöpft im Ziel ein. Als erstes fiel mein Blick auf die gelaufene Zeit und den erreichten Rang, wobei mich meine Mutter sofort daran erinnerte, dass dieses Zahlen nun wirklich nicht wichtig sind. Wichtig sind andere Dinge – nämlich die Erfahrung, einen weiteren schönen Lauf gelaufen zu sein und die Erkenntnis, dass ich mir nach dem nächsten Marathon eine längere Regenerationszeit gönnen werde. Und dass die alle-fünf-Meter-auf-den-Boden-spuckenden-Männer ziemlich uncool sind.

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Übrigens: Der nächste Murtenlauf findet am 7. Oktober 2018 statt ⇒ La course Morat-Fribourg

Marathon-Premiere

Als meinen allerersten Marathon wurde nicht einfach irgendein Marathon auserwählt, nein, ich entschied mich für einen Marathon mit 57 Leistungskilometer und 1’829 Höhenmeter – den Jungfrau Marathon. Der Startplatz war ein Geschenk meiner Eltern zu meinem 21. Geburtstag. Mir blieben also knapp 7 Monate um nervös und hibbelig zu sein.

Meine Vorbereitung verlief soweit so gut, bis ich am Donnerstag, zwei Tage vor meinem grossen Tag, bei der Arbeit die Treppe runterfiel. In hohen Schuhen, versteht sich. Mein linker Fuss war danach geprellt und ich konnte nicht mehr ohne Schmerzen gehen. Zu diesem Zeitpunkt kamen die restlichen Zweifel, die, die nicht sowieso schon da waren, auch noch hervor. Mit einem Quarkwickel um den Fuss packte ich am Freitagabend die restlichen Sachen, stellte den Wecker auf 05:10 Uhr und schlief früh ein. Ich erwachte am nächsten Morgen bereits 10 Minuten vor dem Wecker, da mir mein Kätzchen über das Gesicht lief. Nach meinem traditionellen Pre-Race Porridge konnte das Abenteuer also beginnen.

Mein Einlaufen war das im-letzten-möglichen-Augenblick-zur-Gepäckabgabe-rennen. Dies reichte völlig aus. Anschliessend reihte ich mich mit den anderen 4’999 Läufer beim Start ein. Aus Akt der Verzweiflung schrieb ich kurzerhand die Handynummer meiner Mutter auf die Innenseite meiner Startnummer – für den Fall der Fälle.

Kilometer 1 – 4

Die ersten vier Kilometer durch Interlaken führte uns Läufer durch eine Allee aus jubelnden Zuschauer. Die Zuschauer, die Zurufe und die Musik trieben einen so an, dass die Kilometer wie im Fluge vergingen. Noch nie erlebte ich solch eine Stimmung an einer Laufveranstaltung und ich begann schon nach den ersten paar Minuten zu verstehen, weshalb der Jungfrau Marathon als einen der schönsten und spektakulärsten Läufen zelebriert wird. Hierzu einen kurzen Input von Redbull: Redbull – die 11 spektakulärsten Läufe der Welt.

Kilometer 4 – 10

Der nächste Abschnitt führte auf einer flachen Asphaltstrecke über Bönigen nach Wilderswil. Ich versuchte mich auf diesem schnellen Steckenabschnitt an einem Läufer so zu orientieren, dass ich nicht immer wieder in meinen etwas zu gemütlichen Schritt zurückfiel. Zu dieser Ehre sollte ein Läufer mit einem rosarroten Jungfrau Marathon 2016 Finisher-Shirt kommen, da mir diese besonders verlässlich vorkamen. Leider musste ich mir eingestehen, dass diese rosaroten Läufer immer zu schnell waren, um das ich mich ihnen anhängen konnte. Jedoch führte mich das Schicksal zu einer Läuferin namens Annick. Ich profitierte noch eine ganze Weile des Marathons von Annicks Windschatten und sie schien mir für die Rolle als Motivator ziemlich geeignet.

Kilometer 10 – 25

Als die Laufstrecke in Wilderswil auf einen Naturweg einbog, verspürte ich deutliche Erleichterung. Meine Knie waren schon sichtlich angeschlagen, da sie die zurückgelegten 10 Kilometer Asphalt schon bis tief in die Gelenke spürten. Also fühlten sich die kommenden Kilometer wie Balsam für die Seele an, denn trotz schnellem Tempo und sanften Anstieg konnten sich meine Knie auf der weichen Unterfläche etwas erholen. Annick kam ihrer Rolle sehr gerecht und wir legten gemeinsame Verpflegungs- und Verschnaufpausen bei den dazu vorgesehenen Stationen ein.

Kurz vor Lauterbrunnen begann es verstärkt zu regnen und ich freute mich auf die Unterstützung meiner Mutter, die mit dem Zug nach Lauterbrunnen gereist war und mich dort schon sehnlichst erwartete.

Als eines der Highlights des Jungfrau Marathons zähle ich Lauterbrunnen ohnehin. Nicht nur der atemberaubend schöne Staubbachfall liess mich meine Anstrengung und Erschöpfung nach der Hälfte des Marathons etwas vergessen – das gesamte Tal brillierte sogar bei diesem Wetter mit seiner Schönheit und Abgeschiedenheit.

Kilometer 25 – 30

Bei Kilometer 25 begann der hartnäckige Anstieg. Der Begriff Anstieg ist wohl aber etwas untertrieben, denn es war fast schon ein steiler Hang. Durch den Wald lief ich mit zahlreichen hechelnden und röchelnden und klöhnenden und seufzenden Läufern – stets mit dem Zwischenziel Wengen vor Augen. Auch hier, wie während dem gesamten Rennen, standen alle paar Meter Männer, die in den Wald pinkelten. Da auch ich mich auf der bereits zurückgelegten Strecke ausschließlich flüssig verpflegt hatte, wurde ich langsam aber sicher eifersüchtig auf meine männlichen Konkurrenten. Annick hatte sich wohl etwas weniger auf ihre Blase fokussiert und so sprintete sie mir kurzerhand davon. Da läuft sie weg, meine liebgewonnene Mitstreiterin, die ich ohne Worte verstand. Bis zum nächsten Mal, Annick.

In Wengen konnte ich aber wieder etwas Kraft tanken als ich meinen Bruder entdeckte, der mir inmitten der zahlreichen Zuschauer zujubelte.

Kilometer 30 – 38

Das Dorf Wengen verliess ich mit einem mulmigen Gefühl. Einerseits war ich nass bis auf die Knochen, andererseits wollte ich die nassen Ärmlinge nicht ausziehen, da ich sonst noch mehr gefroren hätte. Und die nassen Socken konnte ich ja auch schlecht ausziehen.. Zudem gab es nun kein „Zwischenziel“ mehr. Die nächste grössere Verschnaufpause mit zahlreichen Zuschauern wird wohl oder übel das Ziel auf der kleinen Scheidegg sein. Und bis dahin führt die Stecke noch 12 Kilometer bergaufwärts.

Während sich Läufer über die fehlende Aussicht ins Tal und die aufkommende Nebelsuppe ärgerten, genoss ich die Natur pur. Es standen uns nicht nur Kühe auf dem Wanderweg und hinderten uns am Durchkommen, auch Molche krabbelten vor unseren Füssen quer über die Strecke, so das wir vorsichtig laufen und gut hinsehen mussten.

Meine Verpflegung geriet etwas durcheinander, denn vom Hunger getrieben ass ich Energieriegel, Bananen, Energiegels und alles mögliche. Zur Aufwärmung trank ich zahlreiche Bouillons, die wirklich unverzichtbar für meinen Körper waren. Mein Körper dankte es mir trotzdem, glaube ich..

In Wixi bei Kilometer 38 traf ich auf meinen Bruder, der dem Regen und der Kälte trotzte um mich anzufeuern. Ich fühlte wohl noch nie so viel Liebe für meinen grossen Bruder wie an diesem Ort auf 1’855 Meter über dem Meeresspiegel. Er hat seinen freien Tag geopfert, seine Freundin alleine zu Hause gelassen, nur um an meinem grossen Tag dabei zu sein.

Kilometer 38 – 42

Noch nie schienen mir 4 Kilometer eine so lange Strecke wie von Wixi hoch zur kleinen Scheidegg. Die Hälfte davon liefen wir in einer Kolonne, die sich nur langsam vorwärts bewegte und bis nach der berühmt berüchtigten Moräne anhielt. Zudem war der Boden so durchnässt und matschig, dass man dauernd ausrutschte und ein Schritt etwa so anstrengend wie 3 Schritte auf normalem Terrain schien.

Zwei Dudelsackspieler heiterten mich am Ende der Moräne noch etwas auf, obwohl ich vor Schmerzen in den Beinen und im Rücken fast nicht mehr laufen mochte.

Kurz darauf fragte ich bei einem Zuschauer nach, ob es nun wirklich nur noch bergabwärts geht. Dieser unbekannte Mann, der aber irgendwie vertrauensvoll schien, versprach mir hoch und heilig, dass der Rest der Strecke nun keinen Anstieg mehr mit sich bringen würde. Als etwa 250 Meter später die Strecke wieder anstieg überlegte ich mir, ob ich zu diesem verlogenen Mann umkehren sollte. Jedoch verteilten am höchsten Punkt der ganzen Marathonstrecke einige fleissige Helfer Schokolade, was mich die Lüge etwas vergessen liess. In meinem Kopf tauchte von nun an der Gedanke auf, dass ich das Ziel nun sehen könnte, wenn der Nebel nicht so dicht wäre. Von diesem Gedanken angetrieben sprintete ich noch rund einen Kilometer ins Ziel, wo ich erschöpft, schmerzerfüllt und frierend einfach nur glücklich war.

Dies war meine Marathon-Premiere – einen Tag, den ich nie vergessen werden und der, geprägt vom Kampf mit mir selbst und meinem Durchhaltewillen, einen der schönsten Tage meines Lebens war.

Emmentaler Halbmarathon

Spontan entschied ich mich letzten Donnerstagabend für die Teilnahme an einem Halbmarathon im schönen Emmental am Samstagmorgen.

Schon kurz nachdem am Samstag um 11.00 Uhr der Startschuss fiel, bereute ich es bereits ein wenig. Vielleicht bereute ich auch nur, dass ich dem Streckenprofil vorher keine Beachtung schenkte, denn die ersten paar Kilometer führten steil bergauf.

Unbenannt

Vielleicht bereute ich auch meinen Entschluss, fast ganz vorne an der Startlinie gestartet zu sein und mich dann nach und nach durch überholende und scheinbar ganz locker joggende Menschen zu demotivieren.



Aber ganz sicher bereute ich das Mittragen meines Handys am Oberarm, welches ich für die ersten 13 Kilometer auf mir haben wollte und es dann für den Rest des Rennens meinem Bruder zu übergeben (was dann aber nicht geschah, weil wir zu beschäftigt damit waren, einander zuzuwinken). So ein Handy kann übrigens einem zerbrechlichen und untrainierten Arm wie meinem mehrere Kilo schwer erscheinen und noch Tage nach einem Lauf übelst Muskelkater bereiten.

Ungefähr bei Kilometer 14 näherte ich mich einer stark torkelnden Frau. Der Sanitäts- und Verpflegungsposten war glücklicherweise nicht mal mehr 100 Meter entfernt und die Sanitäter kamen der Läuferin schon entgegen.  Diese sackte exakt neben mir zusammen und murmelte, dass sie es schon noch ins Ziel schaffen würde. Die Sanitäter kümmerten sich dann um diese Frau und ich bekam am ganzen Körper Gänsehaut. Dies war dem Körper der Frau seine Weise zu sagen „Bis hier und kein Schritt weiter“.

Ja, dies ist eines von vielen Beispielen, weshalb das Sprichwort „Sport ist Mord“ überhaupt existiert. Ich weiss, dass manchmal das Adrenalin, die Willenskraft und der Ehrgeiz von einigen Sportlern zu stark sind um sich selbst eingestehen zu können: „Ich muss jetzt stoppen“. Dies finde ich wahrhaftig traurig, denn Sport hat nichts mit der Ignoranz des Körper zu tun – im Gegenteil – meiner Meinung nach ist die grosse Kunst des Sports das Achten des Körpers. 

Diese Einsicht kam jedoch auch mir etwas spät. Im Jahr 2014 entzündete sich mein Knie aufgrund einer Überbelastung. Was man dagegen tun konnte? Das Knie schonen, so dass es sich erholt. Für was ich mich entschied? Kortisonspritzen, die mir den Schmerz im Knie nahmen, damit ich trotzdem laufen konnte. Damals konnte ich zwar aus psychischen Gründen fast nicht auf das Laufen verzichten, jedoch wäre es das einzig Richtige gewesen. Dies war ein grosser Fehler, aus dem ich definitiv gelernt habe. Die Gesundheit geht stets vor. Denn noch heute kämpfe ich gelegentlich mit beiden Knien, was sicherlich bei einer damals vollständigen Ausheilung vermeidbar gewesen wäre. Meine Message: Nie, wirklich nie, sollte man die Signale seines Körpers ignorieren. Denn gerade beim Sport geht es schliesslich darum, dem Körper Gutes zu tun.

Zurück auf den letzten 7 Kilometer meines Rennens durch die wunderschöne Natur Emmentals führte mich die Strecke durch schmale Wanderwege, durch weite grüne Wiesen, durch Kuhherden und auf einige Emmentaler Hügel.



Gegen Ende des Rennens musste noch kurz mein rechter Fussknöchel daran glauben. Denn beim Trailrunning verletze ich mich nicht etwa durch einen Misstritt, ich verletze mich vielmehr durch einen vom Berg hinunterrollenden Stein, der direkt und mit voller Geschwindigkeit auf meinen Knöchel prallt. Der Knöchel ist jetzt übrigens etwas blau und geschwollen. Achtung Steinschlag.



2 Stunden und 5 Minuten nach dem Startschuss, mit einem schmerzenden Knöchel, einem kiloschweren Handy am Oberarm, einige Erfahrungen reicher und überglücklich erreichte ich als zweitschnellste Frau in meiner Kategorie der 20- bis 35-jährigen das Ziel. Nebst der Rangverkündigung fehlte auch der fast schon traditionelle Dürüm als Belohnung nicht.